ein paar worte zum abschied
hallo freunde!
ich bin emilys verstand. einige von Ihnen kennen mich schon mehr oder weniger gut. wer bisher noch nichts von meiner existenz bemerkt hat, dem möchte ich hiermit kundtun, dass es mich tatsächlich gibt, auch wenn es manchmal nicht den anschein hat.
meine chefin ist wieder mal nicht gut auf mich zu sprechen. an diese geschichte erinnern Sie sich vielleicht noch. ich war wirklich bemüht, ihre entscheidung zu verstehen und mir vorzustellen, mit welchen unangenehmen konsequenzen eine beziehung zu diesem mann verbunden gewesen wäre. teilweise gelang mir das auch, aber ich denke nach wie vor, dass es mit augen zu und durch etwas hätte werden können. emily dachte anders, und der typ scheint es kapiert zu haben. also schwamm drüber. aber jetzt geht der zirkus schon wieder los. kaum ist einer weg, steht der nächste in den startlöchern und will ihr herz erobern. nun hat mich die emily gefragt, was ich von ihm halte. ehrlich gesagt ist mir jeder recht, wenn es ihr dadurch gelingt, den herrn S. endlich über bord zu werfen. das habe ich ihr natürlich nicht gesagt. aber gedacht habe ich es mir. und dann überlegte ich, ob dieser mann der richtige sein könnte. und tatsächlich, es scheint sich bei ihm um einen liebevollen und zuverlässigen zeitgenossen zu handeln. er sieht auch ganz gut aus, ist witzig und bringt emily oft zum lachen, was ich für außerordentlich wichtig halte. das habe ich ihr genau so gesagt. und was macht sie? kommt wieder mit wenn und aber daher und kann sich nicht entscheiden, was sie tun soll. warum fragt sie mich überhaupt nach meiner meinung und verschwendet meine kostbare zeit? sie hat sogar mit ihrer besten freundin darüber gesprochen, und die teilt meine ansichten, obwohl sie sich sonst nicht für emilys geschmack in sachen männern begeistern kann. trotzdem tendiert emily zu einem nein und befasst sich lieber mit einem mann, der wahrscheinlich keinen einzigen gedanken an sie verschwendet. da ist mir der kragen geplatzt. meine geduld war dermaßen überstrapaziert, dass ich mich nicht zurückhalten konnte. ich habe ihr ziemlich böse dinge gesagt und sie so richtig runderneuert. das war gestern abend. seitdem spricht sie nicht mehr mit mir. und wissen Sie was? ich werde auch nicht mehr mit ihr reden. soll sie zusehen, wie sie ohne mich zurecht kommt. sie weiß doch sowieso immer alles besser. ihm würde diese prise verrücktheit fehlen, hat sie gesagt. eine prise verrücktheit. ha ha ha. dass ich nicht lache. sie ist doch selber so verrückt, dass sie froh sein sollte, wenn ein durchschnittlich normaler mann sie haben will. es wären zu wenige gemeinsame interessen da, die sie mit ihm teilen kann. na und? es muss doch nicht jeder das bedürfnis verspüren, auf dem tisch zu tanzen. was spricht gegen einen ruhigen abend in seiner stammkneipe oder gemütlich fernsehschauen zu hause auf der couch? so ging das gestern abend immer weiter, bis ich es nicht mehr hören konnte. warum kann sie nicht einfach mal ihre ansprüche etwas zurückschrauben, die messlatte tiefer legen, zufrieden sein mit dem, was sich ihr anbietet und - vor allem - zugreifen?
diese argumentation hat mich wirklich wütend gemacht. nach einem kurzen gespräch mit meinem therapeuten verabschiede ich mich deshalb in einen urlaub, den ich mehr als verdient habe. falls emily mich brauchen sollte, dann hat sie verdammt noch mal pech gehabt. soll sie doch dieses neunmalkluge herz fragen. mir ist diese frau im moment so was von egal.
also, ich bin jetzt weg.
herzliche beste grüße vom verstand
ps. versuchen Sie gar nicht erst, mich zu finden. ich werde unter falschem namen reisen.
